Ein Abend mit Lambchop
In den letzten Wochen ist viel passiert. Vielleicht sogar zu viel. Mittlerweile scheint in einer einzigen Woche mehr zu geschehen als früher in einem ganzen Monat. Manches davon war gut, manches eher beängstigend und einiges schlicht anstrengend.
Gerade deshalb fühlt es sich umso besser an, nach langer Zeit wieder ein Konzert zu besuchen.
Mein letztes liegt tatsächlich noch in der Zeit vor Corona: ein Abend mit Jaimie Branch. Eine Künstlerin, die viel zu früh von uns gegangen ist und eine unvergleichliche musikalische Welt hinterlassen hat. Umso schöner, dass dieser Abend im Moods in Zürich in «FLY or DIE LIVE» festgehalten ist.
Doch diesmal führt mich der Weg woanders hin.
Ein intimer Abend mit Kurt Wagner, dem Kopf von Lambchop, im ausverkauften Kaufleuten. Meine Beziehung zu Lambchop war zu Beginn keine einfache. Der Einstieg mit «Awcmon / Noyoucmon» blieb für mich etwas verhalten. Und doch habe ich nie ganz losgelassen. Ich bin drangeblieben und genau darin liegt vielleicht der Reiz: eine Band über Jahre hinweg zu begleiten, ihre Entwicklung mitzuerleben, die feinen Verschiebungen zu erkennen.
Spätestens mit Flotus war es dann 2016 endgültig um mich geschehen. Seit diesem Album fasziniert mich jeder neue eingeschlagene Weg dieser Band.

Denn während viele Bands auf hohem Niveau verharren, scheint bei Kurt Wagner die Neugier nie zu versiegen. Lambchop ist kein statisches Gebilde, sondern ein sich ständig wandelndes Kollektiv mit Wagner als einziger Konstante im Zentrum.
An diesem Abend steht alles im Zeichen des aktuellen Albums «The Bible», entstanden in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Andrew Broder. Eingespielt in einer stillgelegten Lackfabrik in Nashville.

Der Zugang zu den neuen Stücken gelingt überraschend schnell, deutlich schneller als noch beim sperrigen Vorgänger «Showtunes». Und doch entfaltet sich die Musik nicht sofort vollständig. Sie lädt ein, Schicht für Schicht entdeckt zu werden.
Die elektronischen Elemente, die Wagner in den letzten Jahren immer stärker integriert hat, sind auch hier präsent und fügen sich organisch ein. Bereits vor einigen Jahren erschien unter dem Namen HeCTA ein rein elektronisches Album.
Was bleibt, ist jene seltene Verbindung aus lyrischer Präzision und dem Mut zur klanglichen Grenzüberschreitung. Darin liegt die eigentliche Qualität. Oder, um es mit Wagner im Deutschlandfunk Kultur zu sagen: «Wenn man in die Zukunft blickt, sollte man weiterhin versuchen, ein hoffentlich interessanter Musiker zu bleiben.»
